Auslandspraktikum
Drazic- Tschechien
Projekt „Der Stuhl“
1. Tag, 6.06.2010
Treffen um 5.30 Uhr am Paulushaus. Die Autos werden gepackt. Zwei Teilnehmer tauchen leider nicht auf, trotzdem reicht der Platz in den VW Bussen nicht aus. Wir müssen die Sonnenschirme und die Grillkohle zu Hause lassen. Pünktliche Abfahrt um 6 Uhr Richtung Drazic.
Kurz nach der tschechischen Grenze will das Navi(gationsgerät) uns mitten auf der Autobahn wenden lassen. (Was soll das bedeuten? Müssen wir uns Sorgen machen?) Und dann: Nach der Neueinstellung der Route sollen wir die Autobahn verlassen! Dies kommt uns sehr spanisch vor, denn es war ist früh und ginge in eine falsche Richtung !? Das Navi muss sich, wie unsere Teilnehmer, in Tschechien erst einmal stabilisieren.
17.22 Uhr Ankunft in Drazic. Der erste Schrecken ist groß. Das Haus ist kalt, verlassen und feucht. (Jetzt wissen wir auch, warum wir eine Drainage legen sollen!)
2. Tag, 7.06.2010
Nach dem Frühstück wollen wir mit der Arbeit beginnen. Aber siehe da, es fehlt eine Arbeitshose und ein Paar Arbeitsschuhe. Vermutlich in Duisburg übersehen worden. Dieses Problem wird sofort angegangen.
Einer Reihe von Teilnehmern wird erst hier, angesichts der Baustelle, bewusst, was Sinn und Zweck dieser Reise ist.
1/3 des Aushubes ist nach ca. 5 Stunden geschafft. Während des Vormittages hatte das Kochteam die ersten Begegnungen mit der tschechischen Bevölkerung. Sie wollten nur Aufschnitt für das Frühstück besorgen und bekamen - ein eingefrorenes Huhn. Nun wollen Sie sich über eine Möglichkeit zum Schwimmengehen informieren. Aber: Sie bekommen hierzu nur Informationen über Museen und Ausflugsziele.
Fazit: Wir brauchen ein Wörterbuch, denn mit Englisch kommen wir nicht so weit.
Am Nachmittag machen wir einen Ausflug nach Pisek. Hier bekommen alle einen positiven Eindruck.
3. Tag, 8.06.2010
Wir fangen heute früher an, um der Sonne zu entgehen. Es ist aber noch nicht früh genug. Die Wand liegt genau Richtung Süden und es gibt keinerlei Schatten. Dafür gibt es heute auch keine Wolken und keinen Wind mehr. Als dann auch noch einige Meter unseres Grabens durch Steine (Mauerreste) im Boden erschwert werden, wird das Arbeiten zur Strapaze.
Wir arbeiten morgens vier Stunden und nach der Mittagspause noch eine weitere Stunde in der prallen Sonne. Dann ist der erste Teilabschnitt fertig. Alle Achtung! Tolle Leistung!
Abends legen wir die dringende Erholungsphase im Schloss und naher Umgebung ein.
Keiner fragt nach irgendeiner Aktion.
Schlafen, Fernsehen, Essen, Malefiz spielen, Bummeln ist angesagt. Chillen eben!
Wir haben mit Graf Deym telefoniert, um das weitere Vorgehen abzusprechen. Der Graf wird eventuell am kommenden Montag vorbeikommen.
4. Tag, 9.06.10
Heute fliegt der erste Spaten vor Wut und Frust durch die Gegend. Konflikttraining ist gut, aber Theorie. Hier ist LEBEN! Die Arbeit findet Ihren Rhythmus, der jedoch nur langsam sein kann, da uns allen die Hitze mächtig zu schaffen macht. Wir fangen um 8.00 Uhr auf der Baustelle an und arbeiten 4 Stunden bis zum Mittagssnack (Gut das wir einen eigenen Smutje dabei haben.)
Nach einer Stunde Pause und danach einer Stunde Arbeit, haben wir dann doch noch gute Ergebnisse. Bis jetzt sind wir im Plan, obwohl der Boden immer neue Steine und Felsbrocken hervorzaubert. Wenn wenigstens hin und wieder eine Wolke käme! Die Temperatur liegt mittags bei über 30 Grad und wir müssen uns enorm selbst disziplinieren, weil Aufgeben so leicht wäre. Abends (na danke) kühlt es etwas ab. Wir hören Donner und bekommen etwa 5 Tropfen Regen ab, das erfrischt richtig.
Heute Abend ist wiederum Abhängen und Chillen angesagt.
Erster Arbeitsunfall: Eine Teilnehmerin muss zum Arzt, nachdem Sie einen Steinbrocken auf den Fuß bekommt- natürlich genau dahin, wo die Stahlkappe zu Ende ist! Die Poliklinik hat schon zu, also weiter zum Krankenhaus. Dauert alles ewig und keiner versteht uns! Zum Glück ist der Fuß nur schwer geprellt. Therapie: Schonen! Nicht weiter arbeiten und kühlen. (Auch das noch!)
5. Tag, 10.06.10
Heute Morgen sind alle völlig erschlagen. Die Muskeln tun weh, die Knochen knirschen. Die Arbeit geht heute bis an die physische Grenze. Selbst wenn man eine gehörige Portion Selbstmitleid und Null-Bock-Haltung abzieht, muss man doch eingestehen, dass wir uns ziemlich was aufgehalst haben. Das Hauptproblem ist und bleibt dabei das Wetter. Wir kommen mit dem Wasserkaufen kaum nach - und trotzdem lässt die Kraft zusehends nach, was sich sehr negativ auf die Moral auswirkt. Manche überlegen schon, wie sie an einen Krankenschein kommen oder sich anders verflüchtigen können.
Trotzdem schaffen wir es heute, bis auf ganz kleine Reste, den Aushub fertig zu stellen. Das bedeutet, dass wir morgen, selbst bei verminderter Mannschaft, nur noch etwa 1, 5 Stunden brauchen werden und uns das Wochenende somit redlich verdient haben werden.
Tiefer graben können wir nicht, weil wir an einigen Stellen schon die Unterkante des Gebäudes erreicht haben. Wir würden es auch nicht mehr schaffen, weil ganz einfach die Kraft weg ist.
Am Nachmittag machen wir uns gemeinsam auf den Weg nach Tyn an der Moldau. Dieser Ort liegt ca. 15 km von Drazic entfernt.
6. Tag, 11.06.10
Heute haben wir unsere Gruppe geteilt. Die eine Hälfte machte die letzten Feinarbeiten zur Vorbereitung der Drainage und die anderen fahren nach Pisek zum Großeinkauf. Das Einkaufen ist in Tschechien eine sehr spannende Angelegenheit. Wir haben sehr schnell gemerkt, dass wir mit Englisch und Deutsch nicht weiterkommen. Nun arbeiten wir mit Händen und Füßen und natürlich einem tschechischen Wörterbuch.
Nach der Arbeit und dem Einkaufen können sich alle sehr gut erholen. Sie legen sich in die Sonne, waschen Ihre Wäsche zum ersten Mal mit der Hand, treffen sich zum Kickern oder hören Musik. Um 16 Uhr treffen wir uns zum großen Auftakt der Fußball WM. Zwischen den zwei ersten Spielen grillen wir gemeinsam und genießen den sonnigen Abend.
7. Tag, 12.06.2010
Wir sind heute genauso früh aufgestanden wie sonst, da wir eine ca. 2 Stunden- Fahrt bis Prag vor uns haben. Der nächtliche Trubel wird thematisiert, beigelegt und dann geht es los. Wir kommen zügig durch, haben aber nicht mit dem Widrigkeiten des öffentlichen Nahverkehrs in Prag gerechnet. Das Besorgen der Tickets dauert etwa so lange wie die Fahrt vom Vorort in die Stadt. In Prag ist es heiß. Also nichts Neues für uns. Aber: Eine supertolle Stadt.
Zunächst versuchen wir es als Gesamtgruppe, das funktioniert aber nur eine Weile, danach teilen wir uns in 2-3 Gruppen auf und wandern getrennt durch die Stadt.
So kann jeder seinen Interessen nachgehen. ( Deutsche Botschaft- Shoppen- ...) Die Karlsbrücke schauen wir uns alle gemeinsam an. Das Treffen klappt pünktlich, alle sind da, keiner wurde bestohlen oder festgenommen. Die Rückfahrt unterbrechen wir in Bernatice und gehen in einem Restaurant gemeinsam essen. Die TN zeigen sich von ihrer besten Seite.
8. Tag, 13.06.2010
Sonntagmorgen. Laaaange ausschlafen. Um 11.30 Uhr „Englisches Frühstück“ mit allem, was tschechische Supermärkte dafür so hergeben. Kommt gut an.
Anschließend unser Trip nach Pisek, doch das erhoffte Stadtfest ist schon abgebaut. Auf Eis hat auch niemand Lust, so dass wir mehr oder weniger sinnlos hin und her gefahren sind. Schade eigentlich.
Nachmittags zunächst die mentale Vorbereitung auf das erste deutsche WM Spiel und Abendessen. Kurz vor dem Spiel wird das Wetter schlecht und es die Sattelitenschüssel droht schlapp zu machen. Wir haben Glück und können das Spiel rechtzeitig schauen. Alle freuen sich über den 4:0 Sieg. Es hätte nicht besser losgehen können! Alle sind zufrieden, weil auch Mesut Özil gut war, was die Türkeifraktion wichtig findet. Nach dem Spiel ist noch unnötiger Tumult im Gang, weil - man weiß es nicht- evtl. jemand im Garten war und jemand anderes es dann lustig fand Panik zu verbreiten, durch das Rausnehmen von Sicherungen und ähnlichen „Scherzen“. Äußerst überflüssig, denn es führt wieder nur zu Missstimmungen.
9. Tag, 14.06.2010
Montagmorgen. Wir könnte es anders sein, einige kommen wieder nicht aus dem Bett und sind darum schlecht gelaunt. Bei der Arbeit verschwindet ein TN nach etwa 20 min. und packt seine Sachen, um nach Hause zu fahren. Aber er hat kein Geld. Ein Anruf zuhause führt auch nur zu Unverständnis. Nachmittags taucht er dann wieder auf. Wir beginnen mit dem Füllen der Grube. Das Verlegen der Noppenbahnen und der Rohre hat der Bauunternehmer bereits für uns erledigt, war aber eigentlich nicht nötig. Langsam, sehr langsam beginnt eine echte Gruppenarbeit, weil bei einigen der Drang nach Hause doch recht ausgeprägt ist. Per Eimerkette und Schüttrohr kommen wir recht zügig voran. Zum Feierabend ist der Haufen beinahe weg. Ab mittags liegt ein TN mit Übelkeit im Bett, gegen Abend wird es immer schlimmer. Er kotzt! Sogar bei Wasser. Wir gehen zwischenzeitlich auf ein gemeinsames Bier in die Kneipe. Als wir zurück kommen, geht es ihm kein bisschen besser. Medikamente bleiben ebenfalls nicht drin. Owei. Unruhige Nacht.
10. Tag, 15.06.2010
Die Baustelle wird immer fertiger. Das Schottereinfüllen klappt prächtig. Wir schaffen heute den ganzen Haufen weg. Es fehlt aber noch ein Rest. Der wird nachbestellt. Nach Feierabend geht’s zum Duschen und dann ist die Vorbereitung auf die große Geburtstagsfeier zum 18.
Es wird gegrillt, getanzt, gefeiert und getrunken. Der Graf spendiert sogar eine Kiste Bier. Es wird ein toller Abend. Gegen 21.30 Uhr wollen einige noch in die Dorfkneipe, sie sind pünktlich um 22 Uhr zurück.
11. Tag, 16.06.2010
Die Baustelle ist fertig! Die Abschlussleisten für die Wand sind nicht da und wir könnten Sie nicht anbringen, weil dahinter der Putz fehlt. Jetzt wollen die TN möglichst sofort nach Hause. Nix wie weg, sozusagen. Unser Aufenthalt war bis Samstag geplant. Wir suchen das Gespräch mit dem Grafen Deym, der sichtlich enttäuscht ist, obwohl er durchaus Verständnis für unsere Situation hat. Es geht schließlich auch darum, Land und Leute kennenzulernen, das würde ihm dann zu kurz kommen, womit er irgendwie ja Recht hat. Unser Problem:Wenn wir die TN jetzt sozusagen „zwingen“ hierzubleiben und sich zwei lockere Tage zu machen, dann droht die Situation aus dem Ruder zu laufen. Irgendwie sind wir SozPäds und Anleiter ziemlich das Schweinchen in der Mitte. Abends ist die gesamte Situation immer noch nicht richtig im Reinen. Eigentlich wollen wir gemeinsam mit dem Grafen noch Essen gehen, aber es herrscht ein bisschen Dramastimmung.
Das Abendessen in Bernatice war lecker und kostengünstig, aber nicht lustig. Ein paar Teilnehmer gehen abends noch in die Kneipe.
12. Tag, 17.6.2010
Die Heimwehkranken stehen wie gewohnt früh auf und beginnen mit dem Hausputz. Die Stimmung untereinander ist insgesamt auf einem Tiefpunkt. Es gibt zwei „Lager“. Die, die nach Hause wollen und zwar sofort, und die, die bereit wären, noch länger zu bleiben um ihren Vertrag zu erfüllen, was ihnen zum Vorwurf gemacht wird. Seltsame und unverständliche Einstellung. Vor dem Haus kommt es noch zu heftigen Diskussionen mit Gewaltandrohungen. Überraschend, wie schnell und wie unnötig die Stimmung kippen kann.
Niemand will mehr wahrnehmen, dass es nur die Teamarbeit war, die uns so frühzeitig fertig werden ließ.
Die Rückfahrt findet entsprechend in zwei getrennten Bussen statt. Nach einer etwas mehr als zehnstündigen Fahrt kommen wir in Duisburg an, wo es noch einmal zu heftigen Auseinandersetzungen kommt. Da gibt es noch eine Menge Gesprächsbedarf.
Schade eigentlich.
Drazic 2010
